Gesund leben ist kein Zufall
Warum eine Krankenkasse plötzlich über Moore, Satelliten und Wasserhähne spricht – und was das mit unserer Gesundheit zu tun hat.
Ein heißer Sommertag in der Region. Die Luft steht zwischen den Häusern, als wäre sie schwerer geworden. Der Asphalt flimmert. In den Arztpraxen der Region wiederholt sich an solchen Tagen ein vertrautes Bild: Kreislaufprobleme, Erschöpfung, Kopfschmerzen. Nichts Dramatisches im Einzelfall. Aber eine Häufung, die auffällt. „Früher hätten wir das einfach auf das Wetter geschoben“, sagt Markus Packmohr. Er sitzt in seinem Büro in Ravensburg.
Packmohr merkt das nicht nebenbei an. Als Geschäftsführer der AOK – Die Gesundheitskasse Bodensee-Oberschwaben verantwortet er einen Ort, an dem Menschen normalerweise ankommen, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Diagnose, Behandlung, Abrechnung. Ein System, das lange klar umrissen war. Doch dieses Bild ist veraltet. Denn die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr nur: Wie behandeln wir Krankheit? Sondern: Was bringt Menschen überhaupt in diese Situation? Und wie verhindern wir diese? Die Spur führt nach draußen.

Markus Packmohr, Geschäftsführer der AOK – Die Gesundheitskasse Bodensee-Oberschwaben, verantwortlich für den Bodenseekreis, den Landkreis Ravensburg und den Landkreis Sigmaringen – mit 10 Kundencentern für rund 240.000 Versicherte. (Foto: AOK)
Die Umwelt schreibt mit
Luft, die wir einatmen. Nahrung, die wir zu uns nehmen. Orte, an denen wir leben. Gesundheit beginnt nicht erst im Behandlungszimmer. Sie entsteht jeden Tag. Feinstaub erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lärm belastet die Psyche, Bewegungsmangel begünstigt chronische Krankheiten. Das ist lange bekannt, aber selten konsequent zusammengedacht.
Die AOK Baden-Württemberg arbeitet deshalb mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zusammen. Satelliten zeigen Hitzeinseln, Luftbelastung, Versiegelung, Grünanteile – bis auf Quartiersebene. Die Daten werden mit Krankheitsverläufen abgeglichen. Packmohr schaut nachdenklich aus dem Fenster. „Es ist gleichzeitig faszinierend und beunruhigend, wie stark Umweltfaktoren die Gesundheit der Menschen beeinflussen können“, sagt er. Die Umwelt erscheint hier nicht mehr als Hintergrund. Sie wird zum Mitspieler im Krankheitsgeschehen.
Besonders sichtbar wird das bei Hitze. Sie ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern ein wiederkehrender Stressfaktor. Für viele bleibt sie unangenehm. Für manche wird sie gefährlich: ältere Menschen, Kinder, chronisch Erkrankte. Die AOK hat reagiert – mit einer Hitzeschutzberatung in der hausarztzentrierten Versorgung. Ärzte sprechen gezielt Menschen an, bevor die Belastung kippt. „Wir wollen früher ansetzen“, sagt Packmohr. „Nicht erst, wenn etwas passiert.“ Es ist ein Satz, der vertraut klingt und genau deshalb seine Wirkung erst im zweiten Blick entfaltet: Es geht nicht um schnelleres Handeln. Sondern um einen früheren Ausgangspunkt.
Ein System verschiebt sich
Das Gesundheitssystem war lange vor allem auf Reparatur ausgelegt. Krankheit erkennen, behandeln, begleiten. Ein Modell, das funktioniert, solange Ursachen klar getrennt sind. Doch diese Trennung bricht auf. „Prävention ist kein Zusatz mehr“, sagt Packmohr. „Sie wird zum Kern.“ Das verändert, wo Gesundheit wahrgenommen wird.
Im Pfrunger-Burgweiler-Ried, einem Moorgebiet in der Region, lässt sich dieser Ansatz beobachten. Holzstege führen durch die Landschaft, die Luft ist feucht, der Boden gibt leicht nach. Kindergruppen bewegen sich hier durch das Gelände. Sie bleiben stehen, schauen, hören zu und laufen weiter. Sie lernen etwas über Klimaschutz, über Wasser, über Natur. Und sie bewegen sich. Ohne Trainingsplan. Ohne Gesundheitsprogramm. „Das Entscheidende ist: es passiert gleichzeitig“, sagt Packmohr. „Naturverständnis, Bewegung, Gesundheitsverhalten – das fällt zusammen.“
Ähnlich ist es in der AOK-„NachhaltICHkeitsarena“, einer Ausstellung für Schulklassen, wo es nicht um abstrakte Begriffe geht, sondern um konkrete Fragen: Woher kommt das, was ich kaufe? Was steckt drin? Welche Folgen hat das? Zusammenhänge, die sonst getrennt erscheinen, rücken hier näher. Gesundheit, Konsum, Umwelt. „Viele sehen zum ersten Mal, dass das zusammengehört“, sagt Packmohr. „Und dass sie selbst Teil davon sind.“ Doch verstanden ist noch nicht verändert. Die eigentliche Verschiebung passiert woanders.

Kurze Wege mit dem Fahrrad: Bewegung im Alltag stärkt Herz und Kreislauf – und schont die Umwelt. (Foto: AOK)

Zeit im Grünen reduziert Stress, senkt den Blutdruck und fördert die mentale Gesundheit. Ein einfaches Rezept mit großer Wirkung. (Foto: AOK)
Wo es sich entscheidet
Nachhaltigkeit zeigt sich dort, wo sich eigentlich nichts nach Entscheidung anfühlt: im Alltag. Am Morgen, wenn die Zeit drängt. Am Nachmittag, wenn die Energie nachlässt. In Abläufen, die sich immer gleich abspielen. „Die meisten gesundheitlichen Effekte entstehen im Wiederholten, nicht im Ausnahmezustand“, sagt Packmohr. Seine Aussage hängt im Raum, während der Alltag weiterläuft.
Denn was hier wirkt, ist selten bewusst gesteuert. Bewegung beginnt nicht mit Vorsatz. Sondern mit der Frage, ob sie überhaupt vorkommt. Ob jemand die Treppe nimmt oder den Aufzug. Ob das Fahrrad bereitsteht. Ob die Strecke sich lohnt. Essen folgt keinem Planungsideal. Sondern dem, was im Moment verfügbar ist. Zeit, Preis, Angebot. Der Blick in den Kühlschrank am Abend. Die Entscheidung, die sich nicht als Entscheidung anfühlt. Der Alltag ordnet, bevor etwas gewählt wird. Wer früh raus muss und spät zurückkommt, trifft andere Entscheidungen als jemand mit planbaren Tagen. Wer an einer vielbefahrenen Straße wohnt, lebt mit anderer Luft. Wer keinen Park in der Nähe hat, bewegt sich anders – oder gar nicht. Was wie individuelle Wahl aussieht, ist eingebettet in Bedingungen, die sie begrenzen.
An dieser Stelle bekommt Nachhaltigkeit eine zweite Bedeutung. Es geht nicht nur um Ressourcen, Emissionen oder Konsum. Es geht um die Frage, unter welchen Umständen Menschen überhaupt gesund leben können. Was folgt daraus für eine Krankenkasse?
„Wir werden natürlich keine Städte umbauen“, sagt Packmohr. „Aber wir können entscheiden, wo wir ansetzen.“ Das bedeutet: nicht nur auf das einzelne Verhalten zu zielen, sondern auf die Bedingungen dahinter. Manchmal sind diese Eingriffe sichtbar. Ein Wasserhahn im AOK-Kundencenter in Leutkirch, an dem man seine Flasche auffüllen kann. Niedrigschwellig, ohne Aufforderung. Oft bleiben sie unsichtbar. Zum Beispiel dort, wo über Arzneimittel entschieden wird. Lange ging es vor allem um den Preis. Inzwischen rücken andere Fragen nach: Wie wird produziert? Welche Ressourcen werden verbraucht? Welche Rückstände gelangen in die Umwelt? „Das sieht keiner“, sagt Packmohr. „Aber es verändert Strukturen.“
Und genau darum geht es: nicht nur Verhalten zu verändern, sondern die Umgebung, in der dieses Verhalten entsteht.
Gemeinsam statt getrennt
Allein lässt sich das nicht organisieren. Denn die Bedingungen von Gesundheit liegen selten in einer Hand. Sie entstehen zwischen Zuständigkeiten: Stadtplanung, Arbeitswelt, Bildung, Gesundheitsversorgung. Jeder Bereich für sich schlüssig – im Alltag aber greifen sie ineinander. Aus dieser Einsicht heraus hat die AOK – Die Gesundheitskasse Bodensee-Oberschwaben vor zwei Jahren ein regionales Nachhaltigkeitsnetzwerk gegründet. Es ist kein Projekt mit klarer Form, eher ein Raum, in dem Dinge nebeneinandergelegt werden, die sonst getrennt laufen. Kommunen, Unternehmen, Einrichtungen kommen zusammen, vergleichen Perspektiven und stellen fest, dass sie oft über dasselbe sprechen, nur in ganz unterschiedlichen Kontexten. „Viele Herausforderungen lassen sich nicht isoliert lösen“, sagt Packmohr. Wenn das stimmt, dann reichen keine einzelnen Maßnahmen. Dann wird Zusammenarbeit selbst zur Voraussetzung von Gesundheit.
Die Treffen sind kein Ort schneller Ergebnisse. Seit der Gründung gab es bereits vier Termine. Manche Ideen verlaufen im Sand. Andere werden weiterverfolgt. Was bleibt, ist etwas anderes: ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Gesundheit nicht in getrennten Systemen entsteht. Und dass sie genau dort verloren geht, wo diese Systeme nicht miteinander sprechen.
Was bleibt
Die Probleme verschwinden dadurch nicht. Hitzeperioden werden häufiger, Umweltbelastungen bleiben, Lebensrealitäten unterscheiden sich weiterhin deutlich. Und trotzdem verschiebt sich etwas. Nicht als große Lösung, sondern als Richtung. Packmohr vermeidet es, daraus mehr zu machen, als es ist. „Gemessen an der Aufgabe?“, sagt er, „ist es ein Anfang.“
Packmohr geht durch die Flure des Gebäudes und bleibt kurz am Fenster stehen. Vor ihm erstreckt sich der Blick auf den Bahnhof und den Busbahnhof von Ravensburg. Die Menschen kommen und gehen, steigen in Züge und Busse oder aufs Rad, der typische Alltag einer Stadt, die in Bewegung ist. Keine Szene, die sich aufdrängt. Doch sie steht für das, worum es hier geht: viele kleine Verschiebungen, die für sich genommen unscheinbar bleiben und in der Summe eine andere Logik ergeben. Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Themas: dass es keine klare Zäsur gibt. Kein Punkt, an dem sich sagen ließe, jetzt ist es gelöst. Nur die Einsicht, dass Gesundheit nicht dort beginnt, wo sie behandelt wird. Sondern dort, wo wir leben. Und dass sie nur dann entsteht, wenn mehr als einer daran arbeitet. „Es ist nur ein Anfang“, hat der AOK-Geschäftsführer gesagt. Aber ohne Anfang passiert bekanntlich nichts.
Wer Interesse hat am regionalen Nachhaltigkeitsnetzwerk mitzuwirken, kann sich bei Theresa Hoh, Präventionsbeauftragte bei der AOK – Die Gesundheitskasse Bodensee-Oberschwaben, unter Telefon 0711/6525-20160 oder per Mail: theresa.hoh@bw.aok.de melden.
Fünf Dinge, die sofort wirken
Mehr Bewegung im Alltag
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Frischer, gesünder – und besser für die UmweltZeit im Grünen verbringen
Reduziert Stress und fördert die mentale GesundheitAusreichend trinken
Gerade bei Hitze entscheidend für den KreislaufBewusster konsumieren
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