Der Wegwerfgesellschaft die Stirn bieten

„Repair-Cafés“ werden immer beliebter. Warum? Sie fördern den Nachhaltigkeitsgedanken durch Abfallvermeidung, sind aber auch Orte geselliger Atmosphäre. Wir haben uns beim „Repair-Café“ in Sigmaringen umgesehen.

Bild 2 Neu
Bild 1 Neu
Bild 3 Neu

Fotos: Fairwandel SIG e.V.

SIGMARINGEN (cs) - Mit Hingabe schraubt Rudi Neusch an der alten Bosch-Küchenmaschine herum. Roland Stehle schleift Messer. Franz Karl Stucke und Markus Gräter versuchen gemeinsam, eine betagte Getreidemühle wie der zu „reanimieren“. Paula Winderhalder sorgt für Kaffee und Kuchen, während sich Elke Hilzinger und Elke Rädle um die organisatorischen Dinge kümmern. Sie alle gehören zum ehrenamtlichen Team des Sigmaringer „Repair-Cafés“, das jeden ersten Samstag im Monat im Alten Schlachthof in Sigmaringen, von 9.30 bis 15 Uhr, seine Pforten öffnet. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial: der Wegwerfgesellschaft die Stirn bieten, kaputte Gegenstände nicht gleich entsorgen, sondern reparieren, ein Stück weit nachhaltig sein.

„Wir haben fähige Reparateure hier. Die gehen wie Detektive vor, probieren, tüfteln, tauschen sich aus“, erzählen die "2 Elken“– so werden sie auf der Homepage des „Repair-Cafés“ vorgestellt – Hilzinger und Rädle. „Die Quote der Geräte, die wir so wieder ans Laufen bekommen, ist hoch.“

Tatsächlich seien zwei Drittel der vorbeigebrachten Gegenstände, die ein zweites oder drittes Leben bekommen sollen, Elektrogeräte. Aber auch an die Reparatur rein mechanischer Gegenstände, Holzmöbel und Textilien wagt sich das Team, bedingt auch an Handyreparaturen. Dann wird geschweißt, gelötet, geschmiert und geleimt. Mit Sharon Heerdegen ist sogar ei ne ausgebildete Näherin an Bord. Selbst Fahrradreparaturen hat das „Repair-Café“ schon angeboten. „Aber die wurden nicht so angenommen.“

Und manchmal stoßen auch die momentan rund 15 Reparateure, die abwechselnd ins „Repair Café“ kommen, an ihre Grenzen. Kaffeevollautomaten zum Beispiel seien sehr schwierig, „die kriegt man nur ganz schwer auf, die sind nicht gerade wartungsfreundlich“. Auch bei Druckern muss das Team mitunter kapitulieren.

Die Reparaturarbeiten laufen auf Spendenbasis. Und 2022 gab’s mit 5000 Euro Förderung sogar einen warmen Geldregen vom Land. Von dem Geld wurden und werden hauptsächlich Prüf- und andere Geräte sowie Werkzeuge angeschafft. Denn die Reparateure arbeiten alle ehrenamtlich, sie sind zwischen 30 und 70, vom voll im Berufsleben stehenden Elektroniker bis hin zum Rentner. Rudi Neusch ist ausgebildeter Elektroingenieur, der seit 30 Jahren im Maschinenanlagebau arbeitet und einfach wieder mal etwas praktisch machen will. „Das 'Repair-Café’ ist genial, die Gemeinschaft, der Austausch. Und du kriegst auch schon mal Geräte in die Hand, die du zuvor noch nie gesehen hast, zum Beispiel Spielzeug.“ Auch den Nachhaltigkeitsgedanken zu unterstützen, ist Neusch wichtig.

Schleifspezialist Roland Stehle verdient seine Brötchen als Beamter im Landratsamt. „In meinem ersten Leben habe ich aber eine Werkzeugmacherausbildung absolviert, bin bei der Bundeswehr dann weg von der Technik gekommen. Bei einem Schnitzkurs später habe ich gelernt, wie man Messer schleift.“ Diese Dienstleistung geht wie „geschnitten Brot“. Auch deshalb freut sich Stehle, dass er dieses Wissen im „Repair-Café“ wieder anwenden kann. Die Rentner Franz-Karl Stucke und Markus Gräter haben nicht nur das gemeinsam. Stucke ist noch nicht lange dabei, Gräter an diesem Morgen zum ersten Mal. Beide sind ehemalige Fernmeldetechniker, haben Freude am Basteln und versuchen so, der gepflegten Lange weile zu Hause zu entkommen.

Um den Café-Teil des „Repair-Cafés“ kümmern sich unter anderem Paula Winderhalder und die beiden Elken. Sie sorgen für Kaffee und Kuchen. Natürlich war der Kaffeeautomat mal kaputt und wurde repariert. Stilecht. Auch Gemeinschaft, vielleicht sogar Freundschaft, ist ein wichtiger Teil der „Repair-Café“ Idee. Ob während des Austauschs beim Reparieren oder hinterher beim Kaffee. Selbst die Kunden, von denen jeden Monat so um die 20 auftauchen, werden angehalten, bei den Reparaturen dabei zu sein, im besten Fall sogar zu helfen. Dabei handelt es sich ausschließlich um ältere Leute, die mit ihren ans Herz gewachsenen Geräten weitermachen wollen, denen das „neumodische Zeugs“ zu kompliziert ist.

Und dass das Ganze dann dem Nachhaltigkeitsgedanken in die Karten spielt – umso besser.