Vom Urlaubsärger zum Zukunftsretter: Algenforschung enthüllt großes Potential
Grün, schleimig und ziemlich nervig – so nehmen viele die Algen im Wasser wahr. Dabei steckt in dem, was da unscheinbar vor sich hin treibt, enormes Potenzial. In der Forschung ist die Alge für unsere Ernährung, Gesundheit und sogar fürs Klima kaum wegzudenken.
NEUBRANDENBURG (lk) - An der Hochschule Neubrandenburg tüftelt Prof. Michael Sandmann mit seinem Team daran, Mikroalgen groß rauszubringen – im wahrsten Sinne. Denn die winzigen Organismen könnten schon bald unsere Ernährung revolutionieren. „Vor allem ihr hoher Proteingehalt – viel höher als bei Raps oder Lupine – macht sie für die menschliche Ernährung hochgradig interessant“, erklärt Sandmann. Und das ist keine ferne Vision mehr: Algen stecken bereits heute in Getränken, Backwaren oder sogar Gummibärchen. Seit Tausenden von Jahren stehen die grünen Meerespflanzen auf dem Speiseplan – und das nicht nur in Asien, sondern auch in Teilen Europas wie Island, Irland oder der Bretagne. Dabei begegnen sie uns oft versteckt im Alltag, etwa als Geliermittel wie Agar-Agar, Alginat oder Carrageenan in verarbeiteten Lebensmitteln.
Besonders spannend wird es bei Spirulina. Die liefert nämlich nicht nur Nährstoffe, sondern auch kräftige Farben. Das leuchtende Blau, das zusammen mit pflanzlichem Gelb das bekannte Froschgrün ergibt, kommt direkt aus der Natur. Für die Lebensmittelindustrie ein echter Gamechanger und für Konsumenten ein Schritt weg von künstlichen Zusatzstoffen.

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Doch damit nicht genug: Während in Neubrandenburg an neuen Lebensmitteln gearbeitet wird, schauen Forschende in Greifswald noch tiefer ins System Alge hinein. Im Projekt „Concentrate“, an dem unter anderem die Universität Greifswald und das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde beteiligt sind, geht es um nichts Geringeres als das Klima. Zusammen mit anderen Partnern haben sie dafür nun die höchstdotierte Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft bekommen. Von Elf Millionen Euro Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft fließt ein Großteil nach Mecklenburg-Vorpommern. Denn Algen können etwas, das dringend gebraucht wird: Sie speichern Kohlendioxid – und zwar in Form von Zucker. „Diese Kohlenstoff-Speicherung wollen wir verstehen“, sagt Prof. Thomas Schweder von der Universität Greifswald, der an dem Projekt "Concentrate" mitwirkt. Ein Teil dieses Zuckers sinkt nämlich auf den Meeresboden und bleibt dort langfristig gebunden, was ein Schlüssel im Kampf gegen die Klimakrise sein könnte.
Die Alge zeigt aber noch ein weiteres Potenzial: Die Bakterien, die diesen Algenzucker im Meer abbauen, gibt es auch in unserem Darm. Laut Schweder könnten sie „die gesunden Bakterien fördern“, was Algenzucker zu einer potenziell gesünderen Alternative zu herkömmlichem Zucker macht.
Zurück in Neubrandenburg zeigt sich, dass Vision und Praxis Hand in Hand gehen müssen. Michael Sandmann bringt es auf den Punkt: „Beides muss gleichzeitig wachsen, die Entwicklung neuer Produkte und die Gewinnung der Algen.“ Dafür braucht es nicht nur Forschung, sondern auch mutige Landwirte, die auf den neuen Trend aufspringen. Wasser, Licht, CO₂ – mehr brauchen die Mikroalgen nicht, um in speziellen Anlagen innerhalb weniger Tage zu wachsen und geerntet zu werden.
Noch ist das Ganze ein Nischenmarkt. In Deutschland gibt es gerade einmal rund 20 Produzenten. Doch das Potenzial ist riesig. Oder, wie Sandmann es formuliert: „In der Mikroalgen-Produktion steckt der Schlüssel für die Ernährung der Zukunft.“